KIRCHENSPLITTER
Unverdient
"Nein, das kann ich unmöglich annehmen!" faucht mir die Dame wutentbrannt entgegen und verlässt trotzig, mit eiligen Schritten, den Speisewagen. Der Mitarbeiter, welcher das Zugrestaurant betreut, und ich bleiben verdutzt zurück. Ersterer musste der Dame zuvor erklären, dass zurzeit nur mit Cash bezahlt werden könne, worauf diese gereizt reagierte, sie könne aber nur mit Karte bezahlen. Ich stand zufällig daneben und bot ihr spontan an: "Kein Problem, ich habe Cash, ich lade sie gerne ein!"
Die Begegnung ist mir einige Tage nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Wie konnte ich die Dame derart verärgern? Hatte sie den Eindruck, sie würde in meiner Schuld stehen, wenn sie mein Angebot annehmen würde? Sind wir derart daran gewöhnt, uns alles verdienen zu müssen, dass wir Unverdientes gar nicht mehr annehmen können? Was macht das mit uns, mit unserer Gesellschaft, wenn das Gefühl dominiert, wir müssten uns das Gute durch Leistung verdienen? Ja, kann unsere Sehnsucht nach Kontrolle gar so weit gehen, dass wir unverdiente Geschenke, alltägliche Taten der Nächstenliebe, ablehnen, nur damit wir die Zügel unseres Lebens in den Händen behalten?
Vieles lässt sich weder verdienen noch erarbeiten noch kontrollieren. Der Sonnenuntergang, der gemütliche Abend in guter Gemeinschaft, die Geburt eines Kindes - alles unbezahlbar und unverdient! Jeder neue Tag ist zunächst ein Geschenk Gottes: "Ja, seine Güte hört nicht auf. Jeden Morgen erbarmt er sich von Neuem." (Klagelieder 3,22f). Üben wir uns täglich darin, loszulassen und anzunehmen. Ich bin sicher, so lebt es sich freudiger und entspannter!
Autor: Jonas Oesch, Pfarrer | Datum: 19.05.2026